Monats-Archiv September, 2018

Richmond-Boston-Manchester-Hannover

Hektik, Fusspilz, Aufregung, Schwitzen von früh bis spät. Hurrikan Florence hat unsere finalen Arbeiten vor Abreise nach good old Germany mächtig durcheinander gewirbelt. Sonst allerdings haben wir von ihm glücklicherweise nicht wirklich viel mitbekommen.

Schlappe 2 Tage bleiben uns um all die 1000 Dinge noch zu erledigen. Wir sind gut im „last minute“ arbeiten. Aber dieses Mal ist es einfach zu viel. Zumal auch noch der Batterielader kurzfristig seinen Dienst verweigert. Allein die Ursachensache kostet viel Zeit und bringt uns nicht wirklich weiter - Mysterium Strom! Zu viele Kabel ziehen sich durch den Bauch unseres Schiffes und nicht immer ist das woher-wohin ganz klar.

Korrodierte Anschlüsse, lose sitzende Kabel - definitiv ein Grund für die verweigerte Stromzufuhr in Richtung Batterien. Strom bekommen wir vom Anschluss am Boden, das steht fest. Und bei der Gelegenheit „finden“ wir dann auch tatsächlich eine Steckdose, die uns ganz ohne up-down Converter den 220 Volt Saft liefern kann! Wir sind hin und weg. Natürlich fehlt dann mal wieder ein Adapterstecker weil wir mit einer Kabellänge nicht vom Schiff zur Steckdose kommen. Aber das berührt uns jetzt auch nicht mehr so wirklich.

Stattdessen verpacken wir unser Schiffchen liebevoll in weisse Planen, hängen dekorativ noch ein paar Wasserflaschen zwecks Beschwerung dran und hoffen, dass es nicht allzu kalt wird. Die Bändsel werden es aber hoffentlich richten.

Unser grasgrüner, wasserscheuer Frosch hat es sich wieder unterm Dinghi bequem gemacht und wird mit der Sicherung beauftragt. Hat ja auch nicht jeder, einen Wach-Frosch!

Segel vom Segelmacher holen, noch einige Dinge in den Storage verfrachten, mir mal eben mit einer scharfen Kante in den Handballen schneiden, Wäsche waschen, aufräumen - nimmt das Chaos eigentlich nie ein Ende? Dazwischen zwei schwitzende Männer, die sich dem Thema Strom widmen. „Pass mal auf Dich auf, Du siehst schei…. aus“. Das sind so Momente, da helfen nur noch der Griff zur Zigarette und zum Vino Rosso …. bei mir jedenfalls.

Etwas Ruhe am Abend vorm Abflug bringt uns eine Essenseinladung auf die Kassiopeia. Sitzen, lecker essen, Gin-Tonic, entspanntes plaudern über die Reiseerlebnisse, mal kein „ihr müsst noch, habt ihr schon, wie wollt ihr denn …..“.

In die Koje kommen wir erst nach Mitternacht. Eine Ladung Wäsche musste noch sein. Last minute gewissermassen. Und dank Trockner problemlos machbar. Das der Wecker um 5 Uhr klingelt schlägt uns Beiden auf den Magen, kein Denken an den sonst obligaten Kaffee!!

Schnüre zurecht schneiden, Plane endgültig fixieren. Dann fällt dem Skipper ein, wir könnten doch den Laderegler des Windgenerators mal eben abmontieren und zwecks Prüfung mitnehmen.

Irgendwann ist nicht alles weg geräumt aber so einigermassen klar Schiff.

Die mit zum Flughafen fahrenden und unser Auto übernehmenden Freunde stehen schon Gepäck bei Fuss an ihrem Steg, tanken müssen wir noch …. „wo ist dein Handy Werner????“ „Weiss ich doch nicht“. Die gross angelegte Suchaktion startet, alle in Frage kommenden Orte auf dem Schiff, in der Dusche, Wäscherei, unser Parkplatz - alles wird abgegrast. Die Matratzen werden nochmal umgedreht, Kissen aufgeschüttelt - vielleicht ist es ja meiner morgendlichen Aufräumaktion zum Opfer und in die Ritzen gefallen? Nada. Die Zeit galoppiert natürlich derweil munter weiter. Ich werde leicht hektisch. Dann fahren wir halt ohne Handy los.

Die Fahrt zum Flughafen ist immerhin entspannt und führt über die gewohnt leeren Strassen. Der Flughafen Richmond ist überschaubar und wir fallen direkt vorm JetBlue Check-in durch die Tür. Bei der Gelegenheit taucht dann auch das vermisste Handy im Kofferraum auf. Unschuldig lugt es unter einer Tasche hervor. Alle sind erleichtert.

Jetzt kann der Flughafen-Marathon starten: Richmond-Boston-Manchester UK - Hannover, D.

Wir kommen rum!

Sternenhimmel

Funkelnde Sterne auf nachtblau-schwarzem Himmel. Milchstrassen. Auf dem Rücken in meiner Koje liegend hab ich Sternenkino vom Feinsten direkt über mir. Durchs Luk fällt der Blick ungebremst auf den Nachthimmel. Unbezahlbar, dieser Anblick. Und sonst verhüllt durch das Sonnensegel. Florence hat also auch was Gutes, zumindest heute Abend und für mich.

Waschtag

Da verliert man schnell den Überblick. Gut, dass alle Maschinen numeriert sind!

Da verliert man schnell den Überblick. Gut, dass alle Maschinen numeriert sind!

Es regnet. Und was macht Frau da am Besten? Genau, sie wäscht Wäsche!

Unsere grosse, flauschig-weiche und entsprechend dicke Bettmobil Decke soll heute dran glauben. In die Maschine der Marina passt sie definitiv nicht rein, da ist an keine einzige Trommeldrehung zu denken wenn dieses Deckenmonster drin steckt (falls es überhaupt rein passen würde).

Also folgen wir dem Tipp anderer Segler und düsen in die Laundry nach Gloucester. Das ist ein richtiger „Waschsalon“. Maschine an Maschine, Trockner an Trockner, alle Grössen sind vertreten. Und tatsächlich passt in die grösste Ausführung unsere Bettdecke rein - und noch ein bisschen mehr!

Also Karte ziehen und aufladen, dann startet die grosse Wasch- und Trockenaktion. Dazwischen ein bisschen die anderen Nutzer beobachten, die Aushänge an der Pinnwand lesen, das Angebot des Getränkeautomaten studieren. An kleinen Tischen kann man die Wartezeit sitzend überbrücken. Ist die Wäsche fertig, stehen Rollkörbe bereit, in die man sie packen kann bevor man sie auf Tischen sortiert und faltet. Mal kein Waschpulver mehr zu Hause? Kein Problem, auch dafür gibt es einen Automaten vor Ort.

Insgesamt ist das eine wahrhaft runde Sache und spontan beschliessen wir, nächste Woche noch einmal mit unseren Matratzenüberzügen her zu kommen. Damit unser Schiff alles schön sauber hat in den Monaten des Alleinseins.

Da trocknet sie so vor sich hin - unsere Bettmobildecke

Da trocknet sie so vor sich hin - unsere Bettmobildecke

Was rumpelt und pumpelt …

..in meinem Bauch”. Es grummelt und brummelt. Nicht in unserem Bauch. Und doch kommt das Grollen des Donners von ganz tief unten, steigt langsam höher, in den wolkenverhangenen Himmel. Wabert über uns hinweg, verliert sich irgendwo über der Chesapeake Bay. Hallt noch einmal nach, verharrt, holt Atem, um von neuem anzurollen. Wie eine Welle. Unheilverkündend. Bedrohlich. Blitze zucken über unserem Luk. Freier Blick auf das Lichtspiel. Alle Planen, Sonnensegel, Abdeckungen sind eingeholt, sturmsicher verpackt.

Noch haben wir keinen Sturm. Für kurze Zeit ist der Strom weg. Vollkommene Ruhe herrscht im Schiff, keine Klimaanlage, kein Kühlschrank brummt. Es klopft ans Boot, „Elki, Werner“ - Mike steht unten, will wissen, ob wir auch keinen Strom haben. Haben wir nicht. Ist zwar nicht wirklich beruhigend, aber zumindest weiss man, o.k., es liegt nicht an einem selbst. Von einem Freund, der auf dem Campingplatz wohnt, kommt eine WhatsApp „geht schon los, der Strom ist weg“ - beruhigende Antwort von uns „ist schon wieder da“.

Die Blitze zucken weiter, Regen setzt ein, es tropft sanft aber nervig aufs Kopfkissen - ein Griff am Luk ist undicht. Eimerchen drunter gehängt, das Kopfkissen bleibt trocken, das nervige Tropfgeräusch bleibt. Hatte ich schonmal erwähnt, dass ich solche monotonen Geräusche einfach nicht abkann??? Aber nochmal aufstehen und Abhilfe schaffen …. nee, mein Rücken stöhnt schon beim Gedanken daran auf, will nur noch liegen bleiben, sich strecken, ausruhen. Der Skipper beschwert sich: jetzt tropft der andere Griff auch! Ich habe aber kein Eimerchen mehr. Also Lappen drum. Ist jetzt bald mal Ruhe im Karton??

Irgendwann schlummere ich ein, mit monotonem Tropfgeräusch. Oder hat es vielleicht aufgehört zu regnen?

Vor”freude” auf die Blühende

‚Florence‘. Ein lieblich klingender Name, weich, duftend. Eine Verheissung nach Blüten, nach Sinnlichkeit, Weichheit, Weiblichkeit, Anschmiegsamkeit - Florence eben. Ja, ein Weichspüler könnte so benannt werden.

Oder eben ein Hurrikan. Florence. Im September 2018 im Anmarsch auf die Küste Amerikas. Auf die Ostküste, um ganz genau zu sein. Und noch genauer: Carolina, South und North liegen genau in der Bahn und werden aller Voraussicht nach am meisten von Florence’s „Anschmiegsamkeit“ betroffen sein.

Deltaville liegt weiter nördlich, in der Chesapeake Bay. Wir haben diesen Ort gewählt, weil wir - naiv wie wir nun mal sind - dachten, hier kämen keine Hurrikane her. Übersehen haben wir dabei irgendwie, dass solche Naturgewalten durchaus ihren Weg in die Nähe finden, zuletzt 2016, davor 2003. Viel Wind, Überschwemmungen, Stromausfälle sind die Folgen.

Und nun ist also Florence im Anflug, streckt ihren rechten Flügel drohend nach Deltaville aus. Seit Tagen drehen sich alle Gespräche mehr oder weniger um die aktuellen Wetterberichte, Hurrikanwarnungen und Notfallpläne. Das Boot im Wasser lassen, weiter nach Norden Richtung Annapolis segeln, vor Anker gehen, sich mit dem Travellift noch schnell an Land stellen lassen, an Bord bleiben, das Weite suchen etc. etc. Wir kreiseln und kreiseln und kommen letztendlich zu keinen wirklichen Ergebnissen.

Die „Experten“ sagen, es ist noch zu früh, um ganz konkrete Massnahmen zu ergreifen. Wir seien mit unserem Schiff sehr sicher auf dem Boatyard. Klar, wir stehen in der letzten Ecke und bei den zuletzt gemessenen 32 Knoten Wind auf einem anderen Boatyard hat es bei uns noch nicht einmal den Feudel (Putzlappen) von der Leine geweht.

Wir bleiben also entspannt, füllen aber doch noch einmal alle Wasserbehälter auf, prüfen unsere Vorräte und beschliessen, das es auch eine gute Zeit für eine Diät sei. 10 Tage ohne Essen kann Mensch locker überleben, 10 Tage ohne Wasser eher nicht. Taschen mit dem Wichtigsten werden gepackt, das Bettmobil ist eh vollgetankt, wir können also auch flüchten. Aber flüchten?? Unseren Panzerkreuzer Jähzorn seinem Schicksal überlassen?? Etwas in uns sträubt sich gegen diesen Gedanken. So werden auch wir Fans von NOAA, dem Hurrikan- und Sturmwarnungsdienst. Unter Seglern allgemein bekannt. Beschäftigen uns mit „Spaghettimodellen“ und ziehen unser geliebtes Pocketgrib zu Rate.

Der Kran ist währenddessen im Dauereinsatz, ein Schiff nach dem anderen macht an der Pier fest, um sich an Land hieven zu lassen. Auch vor unserer Nase wird so ein Flüchtling geparkt und fast wäre ich beim morgendlichen Ausparken mit diesem Schiff kollidiert. An Land mit dem Auto ein Schiff rammen - wie peinlich wäre das denn!! Also ab jetzt Augen auf, Warschau!!!

Eigentlich müssten dem Werftmanager ja die Dollarzeichen im Auge stehen, so viele unverhoffte Kunden. Stattdessen schwitzt und schnauft er, sieht leicht genervt aus und ist auch kein geeigneter Gesprächspartner für ängstliche Skipper, die nicht wissen, was sie tun sollen. „Its up to you“ grunzt er unsere Freunde an, die angesichts dieser Antwort sichtlich konsterniert sind. Wir können ihn schon verstehen. Kurz vor (endlich) Feierabend) zum x-ten Male diese Frage zu beantworten, dazu gehören Nerven wie Drahtseile.

Die Officedame hat schonmal die Gummistiefel angelegt und macht Testläufe über den Steg. Eine Liste mit den Kranwilligen in der Hand. Für die Freunde ist keine Möglichkeit mehr vorhanden, zu viele Boote haben sich schon vorher angemeldet. Ein Liegeplatz weiter hinten am Schwimmsteg erscheint eine gute Option.

So viele Menschen haben wir hier in der Marina und auf dem Boatyard bislang noch nicht zu Gesicht bekommen. Und alles wegen Florence!

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