Die Leinen loesen - Segel setzen - Auf Entdeckung gehen - Den Horizont erweitern - Der Ferne begegnen ….. und Abenteuer erleben.

Seit 2012 sind wir mit unserer na ja unterwegs. Jetzt kommt die Zeit der Veränderung, des Abschied Nehmens: wir haben uns entschlossen, naja zu verkaufen und hoffen, dass sie einen neuen Eigner findet, der mit ihr noch viel Ferne begegnet und Abenteuer erlebt! Für uns waren es 4 einhalb wundervolle Jahre auf einer Reise, die wir so gerne noch fortgesetzt hätten. Aber vieles ist nicht planbar und so müssen wir nun einen anderen Kurs nehmen.

Abendstimmung vor der Küste Kubas

Abendstimmung vor der Küste Kubas

Der 7. Tag - ein Sonn(endloser)tagmorgen

Sonntagmorgen - der Bäcker ist fast ausverkauft! Was jetzt auch nicht wirklich ein Wunder ist, wenn Frau erst 45 Minuten vor Ladenschluss dort aufschlägt. Der Andrang der Kauflustigen hält sich entsprechend stark und ungewohnterweise in Grenzen. Croissants gibt es ebenfalls keine mehr - darüber hält sich mein Frust stark in Grenzen. Und überhaupt: wer braucht schon viel Auswahl, wenn man sich meist eh für die ganz normalen und ein paar Körnerbrötchen entscheidet?

Winterglück-licher Labbi im Dezember 2010

Winterglück-licher Labbi im Dezember 2010

Die Frühstückseier sind nicht lange genug gekocht und entsprechend labberig, die Nuss-Nugat-Creme will nicht nur das heute extrem widerspenstige Croissant  (vom Vortag aufbewahrt für schlechte Zeiten) verzieren, sondern landet auch noch frohgemut auf meinem weissen T-Shirt. Muss ich noch erwähnen, dass dieses frisch gewaschen und gerade erst eine knappe Stunde an meinem Leib ist?

Nachdem ordentlich Eigelb auf Teller und Tisch und nicht im Mund gelandet sind, die Schokicreme malerisch an sämtlichen Fingern pappt und der Teller überläuft von Croissantkrümeln, beschliesse ich: es gibt erst wieder Croissant mit der braunen Creme, wenn der Skipper sich da selbst drum kümmern kann!

Der letzte Schluck Kaffee bringt dann noch einen ordentlichen Schwall Kaffeesatz in meinen Becher: dem Skipper ist der Filter irgendwie übergelaufen. Das gesteht er mir aber erst, als es zu spät ist. Und komischerweise passiert ihm das an Bord nie ….

Nach diesem äusserst gelungenen Start in den Sonntag macht sich eine Art Winterblues in meinem Kopf breit. Denn draussen ist es grau-braun und windig-kalt. Bett oder doch lieber Fotos durchforsten? Ich entscheide mich für letzteres und das ist gut so. Denn da läuft ein fröhlicher, alter Labbi-Hund durch dicken Schnee, scheint eine strahlende Nachmittagssonne durch die Bäume unseres Lieblings-Wäldchens und strecken knorrige Äste ihre skurrilen Formen übers gefrorene und verschneite Wasser der alten Aller. Winter kann auch schön sein …. vielleicht nicht grade heute…..

Dezember 2010 - ein Wintertraum zwischen Daverden und Cluvenhagen

Dezember 2010 - ein Wintertraum zwischen Daverden und Cluvenhagen

Treffen mit einem guten alten Freund - dem deutschen Winter

Für viele die Albtraum-Jahreszeit schlechthin: dunkel, grau, regnerisch, kalt - Winter in Deutschland. Entsprechend werden wir bemitleidet von unseren Segelfreunden, die unter der karibischen Sonne langsam vor sich hintrocknen während wir dem deutschen Winter trotzen. Zwangsweise, ungeplant, aber nicht zu ändern. Ändern können wir aber unsere Einstellung, unser Lebensgefühl in dieser Jahreszeit.

Und so fahre ich mit dem Auto baumbestandene Landstrassen, die durch eine verschneite Landschaft führen. Lange Schatten werfen die hohen, schlanken Bäume auf die unberührte weisse Fläche der angrenzenden Felder. Es glitzert und strahlt alles und ich muss aufpassen, dass ich mit dem Auto nicht mittenrein pflüge, in dieses Strahlen.

Braun und klar strukturiert stechen die Waldstücke aus der Helligkeit hervor. Rotbraune Bauernhöfe wirken verlassen und sind doch nur im Winterschlaf. Formen, die im Sommer vom dichten Grün des Laubes versteckt werden, zeichnen sich jetzt klar gegen den jeweiligen Hintergrund ab oder gehen - weiss gepudert - eine Symbiose mit der unten ihnen liegenden Fläche ein.

Eiskristalle funkeln auf den Ästen, über Aller und Weser steigen Nebelschwaden auf hinter denen die Sonne pinkfarben versinkt.

Winterzauber an der Aller

Winterzauber an der Aller

Spaziergänge mit Freunden und deren Hunden durch einen Zauberwald sind weniger unfallträchtig und punkten mit einem noch höheren Erlebnisfaktor. Unvergleichlich herzerweiternd, wenn 3 dunkle Hundenasen mit kindlichem Übermut begeistert ins weisse Nass geschoben werden und 3 nicht minder begeisterte Zweibeiner ständig stehenbleiben, um diese Zauberwelt fotografisch zu dokumentieren. Wiesen und Wege, verändert und neu, raus geputzt im weissen Winterstaat, fein gemacht, uns mit einer lebendigen Stille umgebend. Innehalten, tief durchatmen; die klare, kalte Luft aufnehmen, frieren? Nein, ich friere nicht. Was vielleicht ja auch an den verschiedenen Kleidungslagen liegt, die mich einhüllen, Zwiebellok incl. langer Unnerbüx sind angesagt, Schal, Mütze, Handschuhe, Pulswärmer, dicke Stiefel mit Thermosocken drin - was ist das schön!! ‚Schön??? Ja spinnt die denn jetzt total, wie kann man sowas schön finden?’ Frau kann, ich kann, sogar sehr gut. Und geniesse einfach nur, jeden Tag neu und jeden Tag etwas anders, die Begegnungen mit einem guten, alten Freund, den Winter. Den ich tief in mir und unbewusst wohl doch vermisst habe.

Sitzplatz auf dem Deich

Sitzplatz auf dem Deich

Bremerhaven - zwischen den Jahren, zwischen den Welten

Raureif liegt auf den Wiesen und Feldern, eine langsam kräftiger werdende Sonne schiebt sich über den Horizont und wirft ihr verzauberndes Licht auf die Landschaft. Die Kälte verwandelt meine Finger beim ersten Fotostopp am Weserdeich in kleine Eisklumpen. Enten quaken im Schilf, Möwen üben im leichten Wind neue Sturzflugformationen, kreischen um die Wette.

Bremerhaven - unser Heimathafen für mehrere Jahre. Vertraut und doch im stetigen Wandel. Auch heute noch fahren wir wann immer möglich nach Bremerhaven. Mit dem Auto, auf dem Landweg. Fahren unsere Runden durchs Hafengebiet und staunen über die Veränderungen, erfreuen uns an dem, was noch Bestand hat und sich vertraut präsentiert. Sehr viel ist es grad nicht.

Bremerhaven ist im Umbruch, setzt in den letzten Jahren voll auf die Kraft der Windenergie. Als Jobmotor, als Bringer von Investitionen und Steuergeldern.

Dafür wird dann auch schonmal ein kleiner Flughafen geopfert und zum Gewerbebauland umfunktioniert. Dafür werden Hecken und Gräser nieder gemetzelt; freier Blick auf bis dahin versteckt gelegene Gebäude, wo man früher in viel Natur schaute.  Strassen werden verbreitert und verlegt, Übergänge gebaut, Ampelanlagen installiert. Noch führen einige neue Strassen ins Nirgendwo. Bald wird man darüber neue Firmengebäude erreichen.

Bremerhaven boomt.

Im neuen Hafen hat sich um Boardinghouse einer bekannten Marinakette ein Hotel gesellt, das Konzept der Betreiber geht offenbar auf. Auch wenn die Steganlage der zugehörigen Marina jetzt, im Winter, etwas verwaist wirkt. Nur wenige Boote sind im Wasser verblieben und trotzen den Temperaturen. Im frühmorgendlichen Sonnenlicht glänzen die Fenster der gegenüber liegenden, neu erbauten Wohn- und Bürohäuser. Wo früher Sand und Kies verladen wurde und staubige freie Plätze den zahlreichen Besuchern Parkmöglichkeiten offerierten, wird heute gelebt, gearbeitet. Mit Blick auf Hafen, auf Mediterraneo, Klimahaus, den Museumshafen, die Schleuse, den Loschenturm und vielleicht sogar auf die Weser. Es ist schick, in Bremerhaven zu leben und zu arbeiten. Zumindest partiell.

Aber auch das Gesamtkonzept Bremerhaven ist anziehend, faszinierend. Nicht wirklich schön oder flauschig wie viele wirklich alte Hansestädte. Aber lebendig. Und lebenswert, liebenswert ?!? Wir finden ja, die Meinungen darüber sind sicherlich kontrovers und bieten Stoff für Diskussionen.

Für uns ist es und bleibt es ein Stück Heimat. Über mehr als ein Jahrzehnt konnten wir den Wandel dieser Stadt miterleben. Nicht täglich aber an vielen Wochenenden sind wir über die „Baustellen“ geschlendert und haben Neuigkeiten bestaunt.

Und heute besuchen wir unsere frühere Marina am kleinen Leuchtturm. Erinnern uns an viele gesellige und auch beschauliche Abende an Bord oder in der kleinen Leuchtturm Bar. Viele „weisst Du noch“. So wie die Erinnerung an die abendliche Lichtshow mit Fischwerbung auf der grossen weissen Wand der gegenüberliegenden Fischfabrik. Oder die Rheingauer Weinabende an Bord unserer naja mit anderen Seglern, an das Auf und Ab der ein- und auslaufenden Schiffe. An die äusserst spassigen Opti-Regatten der Vereins-UHU’s, an einen winterlichen Ausflug nach Helgoland mit der ganzen Truppe und vieles mehr.

Und wir fühlen uns immer noch ein klein wenig als Teil dieses Mikrokosmos Bremerhaven, unserem Heimathafen. Dessen Namen auch wir jetzt doch schon in einige Länder gebracht haben.

Blick über den Hafen - Marina am Leuchtturm

Blick über den Hafen - Marina am Leuchtturm

Ebbe an der Weser im Morgenlicht

Ebbe an der Weser im Morgenlicht

Rau(ch)nacht

Gedeckter Tisch im Müllerhaus

Gedeckter Tisch im Müllerhaus

Jahreswechsel, die Zeit „zwischen den Jahren“, zwischen Weihnachten und Silvester. Eine Zeit, die wir in den letzten Jahren „traditionell“ in wärmeren Gefilden verbracht haben, mal in Spanien, mal auf den Kanaren (ja auch eigentlich Spanien), mal auf Grenada in der Karibik und zuletzt auf Jamaica. Und dieses Jahr? Dieses Jahresende ist anders, fühlt sich anders an, endet etwas unerwartet. Aber bietet auch neue Möglichkeiten, öffnet neue Türen wo sich andere (kurzzeitig) verschlossen haben. Und so fahre ich am Steuer eines Kleinwagens in dunkler Nacht übers hier gar nicht mal soooo platte Land. Folge vorsichtshalber den Anweisungen meiner Navigationssoftware. Nicht, dass ich hier zwischen Birkenbäumen und viel Ackerfläche „strande“. In der Nacht sind schliesslich nicht nur die Katzen grau, auch die braunen Hinweisschilder für Sehenswürdigkeiten sind nicht wirklich optimal erkennbar. Ein paarmal links abbiegen, dann habe ich mein Ziel erreicht:

ein altes, liebevoll restauriertes und zur Begegnungsstätte umfunktioniertes Müllerhaus, am Rande eines kleinen Dorfes in der Nähe von Verden gelegen, einladend und stimmungsvoll gedeckte Tische, in Kerzenlicht getaucht. Zwei Kräuterfrauen, die mit selbst gekochtem Punsch, Kräutertee und kleinen Leckereien zwischen Küche und Seminarraum hin und her eilen.

Auf dem Tisch stehen Räucherstövchen und duften unsichtbar vor sich hin. Auf anderen Tischen warten getrocknete Kräuter, Blüten, Tannennadeln und Harze in allen Variationen auf die Teilnehmerinnen der „Kräuterwerkstatt Rau(ch)nächte“ warten.

Rau(ch)nächte??? Eine seit langer Zeit und über Generationen hinweg gepflegte Tradition des Räucherns wird uns heute Abend näher gebracht. Locker und unterhaltsam führen uns die beiden Kräuterfrauen in die Geheimnisse des Räucherns ein. Aber wer hier an Fisch und Fleischräucherei denkt, ist weit ab vom Thema. Um Kräuter geht es, um Harze, Tannennadeln, Blüten. Getrocknet, am Stück und klein gemahlen wartet die duftende Vielfalt darauf, zu Kräutermischugen und Duftkegeln bzw. -kugeln verarbeitet zu werden. Aber vorher wird ca. 20 interessierten Frauen von der Bedeutung der Rauhnächte und den damit verbundenen Traditionen  erzählt:

Diese Nächte haben ihren Beginn am 21. Dezember, dem Tag der Wintersonnenwende und damit mit der längsten Nacht des Jahres. Altes Wissen, früher von der Oma und auch noch der Mutter in so mysteriösen Dingen wie „zwischen Weihnachten und Neujahr darf keine Wäsche auf der Leine hängen“ oder im Gebrauch der industriell her gestellten und allseits beliebten Räucherkerzen aktiv gelebt und von uns „Jungen“ zugegebenermassen doch etwas belächelt und als Mumpitz abgetan.

Man wollte doch modern sein.

Mittlerweile steht Frau diesen alten Mythen und Ritualen durchaus wieder aufgeschlossener gegenüber. Und stellt mit leichtem Erstaunen fest, das sie doch vieles von diesem Wissen tief in ihrem Inneren bewahrt hat.

Heute Abend wird es also geweckt, dieses Wissen, an die Oberfläche geholt, frei gelassen. Frei wie der Rauch, der aus den Räuchertöpfen quillt. Hervorgerufen von wundervollen Duftmischungen, die auf einem Stück Räucherkohle langsam das Wesen ihrer Bestandteile freigeben. Mit einer Feder wird der Rauch veredelt und bei einigen Teilnehmerinnen regt sich Besorgnis, ob vielleicht die Rauchmelder gleich aktiviert werden.

Werden sie nicht. Entweder, weil sich der Rauch durch das obligatorische intensive Lüften schnell wieder verzieht oder weil er einfach doch nicht stark genug war. Was bleibt, ist ein angenehmer Duft, der sich im ganzen Raum verbreitet und auf unser sensibles Sinnesorgan, die Nase, wirkt.

Dann dürfen wir aktiv werden, selbst mischen, nach Rezepten und Anleitungen der beiden Kräuterfrauen. Wollen wir entspannen oder hellwach sein? Sollen Räume gereinigt, Insekten und Krankheitskeime vertrieben werden? So vielfältig wie die Grundstoffe der Rauchmischungen sind auch ihre Anwendungsmöglichkeiten. Flüchtig im Genuss, schnell in der Wirkung und dauerhaft im Gedächtnis - das ist die Welt der Düfte. Und gerade jetzt im Winter ist im aufsteigenden Rauch nicht nur Duft enthalten. Im Rauch steigt ganz vieles auf, verweht, entschwindet. Dem Rauch kann man Gedanken, Gefühle mitgeben. Er ist flüchtig und doch bleibend, im Raum und in unserem Kopf. Denn unser Duftgedächtnis ist langlebig, vergisst nichts.

Unvergesslich wird mir auch dieser Abend bleiben. Der so herrlich entspannend und doch informativ und lebendig war.

Ein Abend weitab von unserem normalen Bootsleben. Und doch adaptierbar, inspirierend für mein anderes, mein Bordleben. Denn auch auf einem Boot besteht die Möglichkeit, das Räuchern sinnvoll anzuwenden. Und sicherlich ist es auch spannend, in den verschiedenen Ländern dieser Welt lokale Duftpflanzen und Kräuter dafür zu sammeln und sich so ein Stück des Landes zu bewahren und mitzunehmen.

Kräutersammlung

Kräutersammlung

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