Die Leinen loesen - Segel setzen - Auf Entdeckung gehen - Den Horizont erweitern - Der Ferne begegnen ….. und Abenteuer erleben

Unterwegs 2012 bis 2014

Unterwegs 2012 bis 2014

Die allerschönste Zeit des Tages

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Die allerschönste Zeit des Tages

5:30, 6 Uhr – langsam wird es hell, das erste Grau des Tages weicht dem Pastelllicht der Sonne, die hinter den Hochhäusern von Manga aufsteigt, die Kräne des Containerdecks dann die vor Anker liegenden Yachten anstrahlend und Reflexe auf das noch ruhige Wasser der Bucht zaubernd.

Die ersten Taxiboote sind unterwegs, teilen die spiegelglatte Wasserfläche andächtig langsam. Alle Schiffe liegen mehr oder weniger über ihrem Anker, keine Kette oder Leine spannt sich, fast vollkommene Ruhe und Unbeweglichkeit, Entspanntheit. Kreuz und quer liegen die Boote. Ein paar Möwen kreischen, ein erstes Flugzeug steigt auf. Dinghis schaukeln hinter oder neben den Yachten, noch rührt sich nichts und niemand auf den Booten. Auf der Promenade am Ufer sind nur wenige frühe Spaziergänger unterwegs.

Der Tag fühlt sich frisch an, klar, sauber, unverbraucht. Verheissungsvoll und offen für neue Erlebnisse. Die Luft ist zwar nicht wirklich kühl oder frisch, das darf man bei einer Temperatur zwischen 26 und 29°C nicht erwarten, fühlt sich aber doch sehr angenehm an. Nur ein, zwei Stunden später ist die Sauna dann wieder perfekt; die Sonne heizt gnadenlos hoch auf 32, 34°C und wir dampfen vor uns hin. Dann knattern die Beiboote an Land; dann übertrumpfen sich die Taxiboote gegenseitig mit ihren PS-starken Motoren und jagen durchs Ankerfeld, dass die Tassen im Schapp nur so scheppern und dann liegen auch alle Yachten wieder fein säuberlich ausgerichtet mit dem Bug nach Süden oder Norden.

Es ist wirklich die allerschönste Zeit des Tages. Bis die Taxiboote wie ein angriffslustiges Geschwader aus dem kleinen Hafen Eduradono heraus schwirren und das Wasser aufwirbeln. Eines nach dem anderen prescht an den vorher ruhig liegenden Booten vorbei, es wird sich gegenseitig an den engsten Stellen noch überholt, die Ankerlieger ins Schaukeln und Tanzen gebracht dass die Tassen fast vom Tisch kippen und auch der letzte Langschläfer aus der Koje fällt. Dazu ertönen die neuesten Hits aus den kolumbianischen Musikcharts - der Tag hat begonnen.

Am Abend wird der Faule fleissig

Am Abend wird der faule fleissig und die KolumbianerInnen werden sportlich

Geht man am Abend, also nach Einbruch der Dunkelheit auf die Uferpromenade in Manga, dann begegnen uns unglaublich viele Menschen: Hundebesitzer die ihren Vierbeinern ein paar Hundesoziale Kontakte gönnen und die Gelegenheit nutzen, mit den dazugehörigen Menschen auch ein paar Worte zu wechseln; Mütter die ihre Kleinkinder in Kinderwagen oder den beliebten modernen Tretautovarianten herum schieben. Man hält einen Plausch oder läuft einfach so vor sich hin.

Auf dem Platz mit den Fitnessgeräten wird geturnt und die Muskeln gestählt, ganze Heerscharen von bunt und sportlich gekleideten Frauen und Männern joggen, walken am Wasser entlang. In Gruppen, zu zweit oder auch alleine, dann meist gut verkabelt und mit Ohrstöpseln ausgerüstet, die in direkter Verbindung zu Handy oder sonstiger Entertainment Ausrüstung stehen. Sammelplatz ist für viele ein Platz am südlichen Ende der Promenade. Hier geht es dann ein- bis zweimal die Woche richtig zur Sache: zu fetziger Musik und dem mitreissenden Kommandoton des Vorturners wird sich hier verbogen und gedehnt, wird gehüpft, gezogen, gestreckt, an- und abgewinkelt dass der Schweiss nur so in Strömen fliesst. Rundherum sitzen die weniger sportlichen und schauen dem Treiben begeistert zu, der obliatorische Eismann klingelt vorbei und da Zuschauen bekanntlich auch anstrengend ist, macht er hier recht guten Umsatz.

Geht man Richtung Norden, vorbei an der alten Festung rund um den Club de Pesca, kommt man zu einem richtigen Sportplatz. Hier wird hinter hohen Zäunen Basketball gespielt während die zweite Truppe (der Andrang an Sportlern ist offenbar zu gross für die Platzgrösse, man teilt sich auf) sich mit Dehn- und Lockerungsübungen vorbereitet. Liegestütze, Seilspringen – nix wird ausgelassen.

Sportliches Cartagena – und ich hüte immer noch meinen inneren Schweinehund. Tröste mich damit, dass wir uns doch auch viel bewegen, die meisten Wege zu Fuss zurücklegen und dabei schon einige Kilometer zurück gelegt haben.

Sonn-Tag

Sonn-Tag

Und am 7. Tage sollst Du ruhen. Wir ruhen, weitgehend. Und erzwungenermassen. Denn ab 10 Uhr sind wir nicht mehr in der Lage, irgend etwas zu arbeiten. „Ist das heute noch wärmer oder täuscht das?“ – der Skipper täuscht sich nicht, sein Kreislauf rebelliert und fordert eine Zwangspause. Immerhin schaffen wir es, das gestern in der Tapizeria German Perrera abgeholte Sonnensegel zu montieren und die ebenfalls brandneuen, in stylisch dunkelrot gehaltenen Polster für unsere Outdoor-Sitzecke in Betrieb zu nehmen. Wow, nach 4 Jahren unterwegs und insgesamt 11 Jahren Boot im Wasser ( oder sollte ich besser sagen: Wasser im Boot) herrscht in unserer Plicht Luxus pur! Wir lümmeln uns auf 10cm dickem Schaumstoff, ummantelt von besagtem rotem Stoff, mit Rückenlehnen und einem Polster für die hintere Querbank. Das wird mein Sundowner-Stammplatz, hier fächelt mir die leichte Abendbrise eine Abkühlung ins Gesicht, von hier kann ich Schiff und Umgebung überblicken.

Hinter den Hochhäusern und Shoppingmalls von Boccagrande versinkt die Sonne im Meer, zaubert eine Mischung aus blau-grau und rosa-orangefarbenen Tönen auf alles. Die Fahrrinnenbojen blinken abwechselnd grün und rot, drüben auf dem Marinestützpunkt ist ein mobiler Kran vorgefahren. An der Mole liegt ein kolumbianischer Dreimaster, wedelt mit einer überdimensionalen Nationalen am Heck und gibt später noch einmal alles an Decks- und Mastbeleuchtung.

„Moin-moin“ und „die kommen aus Bremerhaven“ – wieder einmal rauscht eine schnittig-sportliche Segelyacht heran, prescht auf Armlänge an unserem Heck vorbei. Alle Gesichter sind uns zu gewandt, keiner der offenbar deutschstämmigen Herren an Bord der Yacht hat noch Augen für den Kurs. Wir moinen zurück, dann ist die Yacht auch schon irgendwo Richtung Muelle Touristico verschwunden. Wer das wohl war? Leben die hier, sind die zu Besuch? Würde uns ja schon interessieren, näheres zu erfahren, wer hier dem sonntäglichen Segel-Luxus frönt.

Ein Sonn-Tag geht zu Ende, ein fauler Tag. Auf vielen der uns bekannten Yachten sind die Dinghis heute nicht zu Wasser gelassen worden, Gammeltag, irgendwie, jedenfalls kein Landgangtag. Oder kauen wir alle noch an den Nachwirkungen des gestrigen Nachmittags? Den haben wir kollektiv im „Leon de Bavaria“, dem „Bayrischen Löwen“ verbracht. Mit Grossbildleinwand, Liveübertragung des Fussballspiels Bayern München-BVB Dortmund. Auch wenn die BVB-Fans zahlenmässig gar nicht mal so gering waren, es hat nix genutzt, die Bayern haben wieder einmal gewonnen. Und wir haben ein Stück deutscher Kultur in Cartagena, in Kolumbien entdeckt.Mit Gulasch & Spätzle, mit Bratwurst, Frikadellen & Kartoffelsalat, mit Brezen und natürlich Paulaner Weissbier. Der Wirt ist sympathisch, lebt und kneipiert seit 15 Jahren in Cartagena. Offenbar mit Erfolg. Multikulti heisst es hier, denn nicht nur die Deutschen finden den Weg in den Löwen (Immer hin haben sich inzwischen 8 deutsche Yachten bzw. deutschstämmige Bootscrews in Cartagena versammelt). Wozu wahrscheinlich auch die Live-Musik beiträgt. Rockmusik, Jazz, Jam-Sessions und der Chef frönt dem Schafkopfen. Urig ist er, der bayrische Löwe in Cartagena und wir werden sicherlich noch des öfteren den Weg hierher finden.

Das Wochenende geht zu Ende, die Ausflugsboote kehren heim. Eines davon fährt zu den Islas Rosarias. Ein Name, der in mir Trauer und immer noch Fassungslosigkeit herauf beschwört. Trauer um eine Seglerin, die hier ihre Reise beendet hat, für immer. Die auf ihrer Yacht ums Leben kam. Fröhlichkeit, Lebensfreude und Tod – so nah beinander. Die Unglücksyacht liegt unweit unseres Ankerplatzes, in einer kleinen Marina nahe des Muelle Touristico. Wartet darauf nun endlich – nach einem ¾ Jahr – von zwei Holländern übernommen zu werden, die sie nach Curacao überführen wollen. Ob der Eigner und Ehemann der Ermordeten dann wieder übernimmt oder ob sie verkauft wird? Egal was wird, es ist das Ende einer Reise, die vor einigen Jahren begann und eine ähnliche Kurslinie aufwies wie die unsrige. Der Tod begleitet uns, irgendwie, auch wenn er uns nicht wirklich berührt, Gottseidank. Aber er ist präsent. Ob es ein Segler ist, der auf St. Lucia umgebracht wird oder ein Däne, der sich auf Cuba, in Cienfuegos das Leben nimmt und erst einige Tage später an Bord seines Bootes leblos aufgefunden wird. Es sind Schicksale, die uns berühren, die wir gestreift haben. Menschen, die wir kurz kennengelernt haben oder von denen wir auch „nur“ gelesen/gehört haben. Es erinnert uns daran, dass wir nicht auf einem anderen Stern leben, dass die Welt sich auch hier ganz normal bewegt und weiterdreht, dass Dinge passieren, die nicht schön sind, die uns traurig und nachdenklich machen.

Aber daran werden wir ja auch erinnert, wenn wir an stinkenden Abfallhaufen vorbei laufen oder an abgemagerten Gestalten, deren Schlafplatz unter irgendwelchen Bäumen kleinerer Parks liegt. Die kaum Kleidung am Leib haben und deren „Bett“ aus Gras, Pappe oder im besten Fall aus einer verschimmelten, längst weg geworfenen Matratze besteht. Wie privilegiert leben wir dagegen, wie gut geht es uns. Nicht nur hier in Kolumbien.

Nachts sind alle Katzen grau und Cartagena ist wunderschön

Im Schutz der Nacht

Die Dunkelheit der Nacht verhüllt, bedeckt, verschleiert, verfremdet, macht uns unsicher, lässt zur Ruhe kommen, in den Schlaf finden. Die Hektik des Tages geht zurück, die meisten Menschen halten sich zu Hause auf, geniessen den Feierabend, das Zusammensein mit Familie und Freunde – normalerweise.

Auf Cartagena (wie auch auf andere Städte) wirkt sich die Dunkelheit eher belebend aus. In den Gassen von Getsemani und dem Centro Historico herrscht noch reges Treiben. Fast alle Geschäfte haben geöffnet, sind hell erleuchtet. Die Bars und Restaurants scheinen sich schlagartig vermehrt zu haben, fallen ins Auge durch ausgefallene Beleuchtung und Dekoration, wirken einladend. Gezielt und gekonnt eingesetzte Beleuchtungsobjekte spielen mit Licht und Schatten auf den rauhen, alten Mauern an denen moderne Kunstwerke hängen. Hohe Räume die doch gemütlich und charmant wirken.

Wir irren durch die doch eigentlich schon vertrauten Gassen der Altstadt. Auf der Suche nach dem deutsch-kolumbianischen Kulturzentrum. Verflixt, das gibt es doch gar nicht, das muss hier doch irgendwo sein. Wir fragen nach, bekommen Richtungen angezeigt – kann eigentlich nicht sein. Und dann – ein letzter Versuch – biegen wir um eine Ecke und sehen das vertraute Ladenschild des Juweliergesch#ftes Shaddai. Nein, wir erahnen es eher. Direkt daneben liegt das Ziel des Abends.

Cinetag ist heute; gezeigt wird ein deutscher Film mit spanischen Untertiteln. Eine gute Gelegenheit, den spanischen Wortschatz etwas zu erweitern, das Gehör gezielt für die doch teils noch recht fremde Sprache zu trainieren. Und ganz nebenbei vielleicht ein paar Leute kennenlernen, die hier in Cartagena leben. Kolumbianer, die deutsch lernen und sprechen möchten oder Deutsche, die schon etabliert sind in Kolumbien, in Cartagena.

Und so lernen wir Ulrich kennen. Aus Emden stammend und hier sein freiwilliges soziales Jahr absolvierend. Was macht man denn in so einem Instituo will ich wissen. Musikveranstaltungen, Sprachkurse – leider findet nur ein Deutschkurs statt), ein Stammtisch, Bücherlesungen mit anschliessender Besprechung, die Kino-Abende – halt alles, was irgendwie mit Kultur und Bildung zu tun hat. Finanziert wird das alles in erster Linie vom Goethe-Institut; wie passend, dass heute der Film Goethe auf dem Plan steht.

Vor uns hin schwitzend sitzen wir mit Ulrich im Hof des Instituts, trinken kaltes Bier und beschliessen, auf eigene Faust zum eigentlichen Kino zu laufen. Das „Ciudad de Movil“ liegt in Getsemani, wie praktisch, dann ist der Heimweg schon mal etwas kürzer. Mit einer simplen Wegbeschreibung tigern wir los, haben noch gut eine Stunde Zeit, gemütlich dorthin zu bummeln. Unterwegs muss aber erst nochmal aufgetankt werden. Uns dürstet gar sehr, wie gut, dass noch viele der kleinen Ecktiendas geöffnet haben. Auf dem Platz vor der Kirche La Trinidad spielen kleine Jungs Fussball. Sorgsam bewacht von 2 Polizisten und diversen privaten Sicherheitsmenschen. Alle Tische der umliegenden Bars und Cafés sind besetzt, wir ergattern nur noch einen Sitzplatz auf einer der Steinb#nke. Kleine fahrbare Stände bieten Getränke und einfache Gerichte an, es duftet gut. Ein junger Mann wird samt Bierdose und frisch angezündeter Zigarette von der Bank neben uns vertrieben. Die Polizei ist freundlich aber bestimmt zu ihm und er räumt die Bank auch ohne Widerworte. Liegt das jetzt an der Zigarette oder am Bier? Es ist das Bier: auf dem Platz de la Trinidad ist Biertrinken nicht erlaubt. Die 3 Bronzemänner, die hier vor der Kirche tagein- tagaus stehen, beeindruckt das alles nicht.

Weiter geht es. In den Gassen stehen Sitzgelegenheiten aller Art vor den Häusern, viele ältere Menschen schaukeln gemütlich vor sich hin, beobachten das Treiben auf der Strasse oder halten einen Schnack mit den Nachbarn. Laute Musik dröhnt aus einigen Häusern,magere Katzen huschen die Mauern entlang und kleine Hunde sitzen hinter denGittern der Hauseingänge. Offene Fenster und Türen (immer mit Gitter davor) gewähren Einblicke in die Wohn- und Einrichtungskultur der Kolumbianer in Cartagena. Eine Frau lässt die Nähmaschine rattern, ein Mann sitzt am Laptop, ein anderer räkelt sich einfach nur auf seiner Couch. An einer Strassenecke werden Lose verkauft und man unterhält sich lautstark über die Gewinnchancen. Fahrradfahrer, Mopeds und ab und zu quetscht sich ein dicker Pickup durch die schmale Strasse. Wo im Hellen die Hitze des Tages vieles lähmt und verdeckt, herrscht jetzt am Abend Leben und Betriebsamkeit.

Leider fällt der Film aus. Wir finden zwar problemlos das/die Ciuadad Movil, werden aber von einer jungen Dame dort informiert, dass der Film auf kommenden Montag verschoben ist. Merkwürdig dass keiner im ja veranstaltenden Instituto davon wusste, wahrscheinlich eine sehr spontane Entscheidung. Macht nix, haben wir einen Grund mehr, wieder am Abend nach Getsemani zu bummeln. Fest steht, sowohl bei Tag als auch bei Nacht ist das Flair dieses Stadtteils einfach toll.

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